fäden

Eine partizipative Bearbeitung der Vorarlberger Kolonialgeschichte in 7 Szenen.

@ Yohana Papa Onyango 2026

Das Projekt „Fäden“ lud Bürger*innen über einen Zeitraum von acht Monaten dazu ein, sich an einem Prozess zu beteiligen, der die offizielle Geschichtsschreibung Vorarlbergs mit alternativen Geschichten ergänzt und dabei auch das dominante Narrativ der Selbstermächtigung und Überlegenheit in Frage stellt. Die Gegenerzählungen, tradierte Erinnerungen und das „gefühlte Wissen“ (siehe ‘Kontext’) durchkreuzen den „roten Faden“ der offiziellen Geschichtsschreibung mit einer Vielzahl an querlegenden und verschlungenen Fäden; sie machen Verknotungen deutlich, die die Linearität einer tradierten Geschichtsschreibung grundlegend herausfordern. Sie durchkreuzen Gegenwart und Vergangenheit und verbinden geographisch anscheinend weit entfernte Orte mit verschiedenen Bezügen. 

Das Konzept „Fäden“ ist dabei auf verschiedenen Ebenen in Aktion: Die Prämisse von „Fäden“ verweist auf ein ganz spezifisches Weltbild – eine Welt, die über Verwebung, Verknotung, Kontakt und Beziehung hervorgebracht und reproduziert wird. Fäden sind das, was uns verbindet, was bedeutet, es sind die fragilen, manchmal prekären Beziehungen, die hier im Vordergrund stehen. Fäden definieren das, was wir manchmal als das Ding an sich sehen, aber das immer eingebettet in einen Kontext ist. Das Konzept „Fäden“ sieht die Welt, oder vielleicht die Welten, als vielerlei Verbindungen, die von Macht und Gewalt ebenso wie Gemeinschaft und Begehren geprägt sind. Fäden spinnen heißt neue Verbindungen herstellen, egal ob in der Vorstellung oder in der materialisierten Welt. 

Also haben wir das Konzept „Fäden“ als ein vielfach wissenschaftliches und auch aktivistisches Hilfsmittel eingesetzt: Es funktioniert dabei als eine Art Linse, über die wir auf die soziale Welt blicken und Beziehungen erkennen können, die außerhalb unserer Wahrnehmungshorizonte liegen. Oder ein Hörgerät, das unser Zuhören verfeinert, indem es uns beispielsweise sonst nicht hörbare Frequenzen zugänglich macht. Über die Linse „Fäden“ zeigt sich die Welt immer schon verknüpft, und – wie wir zeigen werden – immer schon in den Kontext der Kolonialgeschichte eingewoben. 

Das Konzept „Fäden“ fungiert auch als das, was Davina Cooper als eine „Zelle“ bezeichnet. Das Konzept selbst hat seine eigene Identität und Entwicklung und ist gleichzeitig – als Zelle – auch mit der Umgebung kontinuierlich im Austausch. Die Membran des Konzepts agiert als Mediatorin, sie antwortet, absorbiert, transformiert, passt sich an. Und sie grenzt ab, isoliert, baut Barrieren. (Cooper 2026)

In unserem Projekt sind Fäden immer in Plural gedacht, sie treten nie isoliert auf – so wie es beispielsweise die Prämisse des „roten Faden“ suggeriert. Wie im Kontext der Textilkunde, sind Fäden die kleinste linienförmige textile Struktur, die zur Herstellung von Geweben, Gestickten, Geflechte oder anderen textilen Flächengebilden verwendet werden kann. Ihre Identität speist sich von den Erkenntnissen der Textilkunde ebenso wie der Black Studies, Queer Studies und den Geschichtswissenschaften. Sie sind immer schon in sich verwoben, verknotet, mehrere.

Davina Cooper betont, dass Konzepte immer auch als „Welle“ funktionieren: So hat das Konzept „Fäden“ das Potential, Leute mitzureißen und ein Thema voranzutreiben; es kann eine ganz spezifische Atmosphäre herstellen und uns so in eine spezifische Richtung tragen (Cooper 2026). Indem das Konzept Fäden eine Kultur des Individualismus zurückweist und das Gemeinschaftliche und Verwobene in den Vordergrund stellt, bietet es sich auch als aktivistisches Handwerkszeug an. Das Projekt will nicht „Schuldmanagement“ machen, es bedient nicht das Streben nach Versöhnung und die Sehnsucht nach einem abschließenden Ausgleich (Elsässer 2014, 45). Das Projekt will Konflikte nicht auflösen, sondern die auch konflikthaften Verknotungen (aus)halten (Harney und Moten 2013). Das erzeugt eine ganz spezifische Stimmung – eine nämlich, in der Handlungsfähigkeit and Gemeinschaftlichkeit geknüpft ist.